Heilpraktikerschwemme
Mehr Heilpraktiker als Ärzte
Seit etwa zehn Jahren ist der Beruf des Heilpraktikers leider ein sogenannter "Modeberuf" geworden. Von falschen finanziellen Vorstellungen ausgehend drängen immer mehr neue Praxen in Städte und Dörfer. So finden Sie z.B. im Umkreis von zehn Kilometer um Kulmbach inzwischen deutlich mehr Heilpraktiker als Ärzte für Allgemeinmedizin! Die esoterischen oder physikalischen Anbieter von "Klangschalentherapie", Ayurveda, Hot-Stone-Massagen, Traumdeuter, usw., noch gar nicht mit eingerechnet. Und selbst Schulen um Heilpraktiker auszubilden oder zu Prüfung vorzubereiten finden Sie nicht nur in Kleinstädten sondern auch auf kleinen Dörfern. Allein in unserer Umgebung gibt es inzwischen sechs solcher Anbieter!! Und sorgen so für immer mehr enttäuschte Absolventen solcher "Schulen". Einer verdient immer: Die Schule, die Sie ausbildet. Auch wenn Sie aller Wahrscheinlichkeit nicht von Ihrem Beruf leben können. Ihre hohen Ausbildungskosten waren dann eine sinnlose Investition.
Vor dieser bedenklichen Entwicklung ernährte ein Umfeld von etwa 30.000 Einwohnern zwei bis drei Naturheilpraxen. Inzwischen kommen, wie in unserer Gegend, über 35 Naturheilpraxen (ja - Sie haben richtig gelesen) auf die gleiche Einwohnerzahl. Seit Jahren eröffnet alle paar Monate eine neue Naturheilpraxis und versucht ihr Glück. Und da nicht die Einwohnerzahl steigt sondern die Anzahl der Praxen werden viele die Tätigkeit nur im Nebenwerb oder als Hobby betreiben oder betreiben können. Ob dies immer zum Wohle der Patienten ist? Und wenn die Praxis mangels Können nicht läuft, arbeite man zwei Tage in der Woche in einer anderen in der Nähe gelegenen Ort und versucht sich mit "zwei" Praxen über Wasser zu halten. Erstmal...
Das Einkommen eines Heilpraktikers
Die letzte Umfrage zum Einkommen einer Naturheilpraxis stammt (soweit wir wissen) aus dem Jahre 2004. Damals gab es noch erheblich weniger Naturheilpraxen, der "Markt" war erheblich größer. Laut dieser Umfrage verdiente damals ein Heilpraktiker in Bayern durchschnittlich nur knapp 11.000.- Euro im Jahr vor Steuern (ja - auch dies haben Sie richtig gelesen). Dies entspricht nur etwas über 900.- Euro pro Monat! Natürlich gibt es "Ausreißer" nach oben, aber selbstverständlich auch nach unten.
Außer unserer Praxis kennen wir nur noch drei andere Kollegen im weiten Umkreis, die von den Einnahmen ihrer Praxis auf Dauer leben können. Um eine auf Dauer finanziell tragfähige Basis mit einer Naturheilpraxis aufzubauen bedarf es vieler Jahre Berufserfahrung, eigener erfolgreicher Behandlungskonzepte (und nicht nach dem Motto: noch ein Anbieter von Akupunktur, noch einer mit Homöopathie, Schröpfen, usw.),erhebliches finanzielles Durchhaltevermögen und ein ständiges Engagement um das Wohl der Patienten.
Deshalb bieten wir seit über zehn Jahren weder Praktikumsplätze an noch bilden wir weiterhin in irgendeiner Form zum Heilpraktiker aus. Die Enttäuschung der Berufsanfänger aller Voraussicht nach nicht von dem Beruf leben zu können wäre vorprogrammiert. Und diesem Vorwurf wollen wir uns nicht aussetzen.
Einige Auszüge aus Berichten von Heilpraktikern
„Hallo, Inna hat völlig recht. Der HP-Beruf (als Existenz) ist sehr schwierig. Es dauert Jahre, bis Du (Können vorausgesetzt - und dazu reicht die HP-Zulassung nicht im Geringsten) davon leben kannst. Das ist der Grund, warum die Majorität der HPs nebenberuflich tätig ist (es gibt aktuell etwas 26.000 HPs...) Du musst ja nicht nur Deinen privaten Lebensunterhalt verdienen (inkl. all dem, was normalerweise "Sozialleistungen" heißt), sondern auch alle Kosten Deiner Praxis (Miete, Versicherungen, Werbung usw.). Ich seh das ähnlich wie bei dem Traumberuf "Musiker", "Künstler" etc. Auch da "krebsen" die Mehrzahl rum und kommen auf keinen grünen Zweig. Als ich mich (vor 20 Jahren) als HP selbständig gemacht habe (nach Assistenzeit) hat mir eine erfahrene Kollegin gesagt, ich würde etwa das "rechnen" müssen, was für eine Allgemeinmediziner-Praxis auch veranschlagt würde - und das waren damals rund 180.000 DM. Das wollte ich nicht glauben, weil das in meinem Finanzplan nicht realisierbar gewesen wäre. Heute weiß ich: Sie hatte recht. Entweder steckt man das Geld in die Übernahme einer - gut laufenden - Praxis (in der Hoffnung, dass dann einen die Patienten genauso akzeptieren, wie den vorherigen HP) oder in den Lebensunterhalt und die Kosten, die man finanzieren muss, bis die neue Praxis mehr einbringt, als sie kostet. Ich war - trotz Wirtschaftsstudium - naiv und dachte, die Resonanz auf mich als HP wäre viel größer. Es war nicht so... Heute ist es nicht einfacher geworden. Ich rate daher jedem/jeder HP dazu, sich über die Realitäten des Berufes gut zu informierenen, bevor die Existenz darauf aufgebaut wird. Unser Beruf wird oft idealisiert, d.h., Menschen, die den üblichen Zwängen der Zeit entkommen wollen (Zahlen, Stress usw.) flüchten in den HP-Beruf. Aber, auch hier musst Du "Umsatz machen", Miete bezahlen, Steuern zahlen, Patienten werben usw.“
Anmerkung eines langjährigen Heilpraktikers aus Baden-Baden in einschlägigen Foren
„Hallo!......Ich bin Krankenschwester und habe meine Vorstellung vom "Traumberuf" Ende 2009 mit der Heilpraktikerprüfung wahr gemacht. Seit September letzten Jahres habe ich nebenberuflich eine eigene Praxis, ich habe gleich Nägel mit Köpfen gemacht und (günstige) Räume angemietet, mich nett eingerichtet, viele Lehrgänge besucht (zur TCM Ausbildung gehe ich immer noch) und mich frohen Mutes mit einem gut errechnetem finanziellen Polster in meine neue Arbeit gestürzt. Ich glaube, dass die Patienten, die ich bisher betreue mit mir zufrieden sind und gerne zu mir kommen und ich liebe diese Arbeit, aber trotzdem weis ich heute nicht, ob ich mit meiner Praxis überleben werde, meine Reserven schwinden schneller als ich dachte und diese Situation macht mir gerade schwer zu schaffen :-(......Ich stecke sehr viel Energie, Kraft und Geld da rein, mache Werbung, halte Vorträge und trotzdem habe ich nicht den erwünschten Umsatz. Was ich damit sagen will ist, dass es laaaange dauern wird, bis Du vom Heilpraktikerdasein leben kannst.... allerdings wirst Du wie gesagt nicht so schnell davon leben können, zugegeben stehst Du echt vor einer schwierigen Entscheidung... lg, Sabine“
Anmerkung einer Heilpraktikerin aus Velbert
„HP zu werden ist so oder so nicht leicht. Nebenbei zu lernen und als HP zu arbeiten ist sehr anspruchsvoll (in Sachen Motivation, Energie usw.) Aber ohne großen finanziellen Rückhalt oder sonstige Besonderheiten (eigenes Haus mit Praxis, gut verdienender Partner etc.) hast Du in Vollzeit praktisch keine Chance. Es dauert einfach zu lange (5-7 Jahre), bis man genug Patienten hat. Immer vorausgesetzt, man ist wirklich gut (und dazu braucht man erstmal Erfahrung - und die vermittelt einem keine Schule...)“
Anmerkung eines Kollegen aus Baden-Baden
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